Holz arbeitet!

Seit hunderten von Jahren haben Schreiner und natürlich die Besitzer von feinen Möbelstücken immer wieder das Problem, aber auch das große Glück, dass Holz arbeitet. Natürlich kommt es dadurch hin und wieder zu Rissen, Verwerfungen und sonstigen Folgeschäden bei stark schwankender Luftfeuchtigkeit. Mein früherer Arbeitgeber, der Schlossherr eines bedeutenden Schlosses in Mittelhessen, äußerte sich zu diesem Phänomen sehr trocken: „Johannes, kennen Sie denn den Unterschied zwischen Holz und Beamten?” Ich stutzte, bekam aber sofort die Antwort darauf: „Holz arbeitet!”

Anmut und Nutzen von lebendigem Holz

Ja, Holz arbeitet und dies noch nach Jahrhunderten. Es lebt. Und es entwickelt durch sein Eigenleben oftmals sehr gefragte Eigenschaften. Durch seine Fähigkeit, Flüssigkeiten wie etwa Farben aufzunehmen, eignet es sich ideal zum Einfärben und wirkt mit seiner Maserung doch weiterhin natürlich. Seine offene Oberflächenstruktur ermöglicht es Ölen wie auch Lacken, die beispielsweise aus Harzen bestehen, tief ins Innere des Holzes einzudringen und so das Licht ins Holz und wieder heraus zu leiten. Dies nehmen wir dann bei vielen Hölzern als besonders schöne Holzfarbe oder auch als angefeuerten Holzfarbton wahr. Bei hochwertigen antiken Möbeln schätzen wir die gealterten Oberflächen, die nicht nur durch ihren Altersfarbton, ihre Gebrauchsspuren und ihre Patina wirken, sondern auch die leichten Wölbungen und die sich plastisch abzeichnenden Jahresringe der Holzmaserung. Dies alles entsteht durch das arbeitende Holz. Selbst zu Urzeiten wurde Holz in Steinbrüchen zum Abspalten von großen Steinplatten und -quadern verwendet. Auch hier machte man sich das Arbeiten des Holzes zunutze, indem trockene Holzkeile – in Spalten und Löcher getrieben – mit Wasser befeuchtet ihr Volumen so vergrößerten, dass selbst die härtesten Gesteine anstandslos brachen.

Neuheiten ohne Eigenleben

Ganz im Kleinen wäre aber auch der heute so beliebte Shabby Chic ohne das Arbeiten des Holzes nicht denkbar, denn ein totes Material würde die ausgehärteten Farbschichten, die mit der Holzoberfläche verbunden sind, niemals so zum Abplatzen bringen. Hier arbeitet Holz einer modischen Strömung zu. Leider geht aber heute auch ein Trend zum „augenscheinlich” perfekten Einrichtungsgegenstand, der kein Eigenleben und Arbeiten des Holzes mehr duldet. Der Großteil der Möbel wird aus Holzwerkstoffen gebaut, die aus pulverisiertem Holz, synthetischen Leimen und künstlichen Lacken bestehen – also ausschließlich aus totem Material. Reparable Schäden entstehen an diesen Möbeln auch bei stark schwankender Luftfeuchte nicht mehr. Außer man nutzt sie und arbeitet daran – wie eben doch auch so mancher Beamter sein Werk verrichtet.

Johannes Kössler

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